Der Lotse geht von Bord

June 28th, 2005 by Sebastian Dresel

Hier für diejenigen, die das Mannheimer Stadtmagazin Meier nicht kriegen, haben, wollen, kennen o.ä. usw. der dort veröffentlichte Nachruf auf Gregor.

Gregor Dietz – Ein Nachruf

Der Lotse geht von Bord

Gregor “DJ G.O.D.” Dietz lebt nicht mehr. Er verstarb am 31. Mai in einem Krankenhaus in Berlin Friedrichshain an den Folgen eines Hirnschlages. So entsetzlich kalt und bitter lesen sich die Fakten. Was mit diesem Menschen verloren gegangen ist, liest sich hingegen ganz anders.
Ein Nachruf.


Jede Erinnerung an den wuchtigen Mann mit der schwarz gefärbten Mähne mag dieser Tage schmerzhaft sein. Aber nur, weil diese Erinnerungen keine Fortsetzung erleben werden. Das Ende der letzen Staffel eines großen Fernsehfreundes. Die Erinnerungen selbst handeln nicht von Schmerz oder Trauer. Sie handelt von einem Menschen, dessen Einfluss auf die Stadt Mannheim und auf viele junge Menschen in der Region und weit darüber hinaus kaum einer je wird greifen und ergründen können. So verzweigt waren seine Bekanntschaften, so weit reichte sein Ruf, so viel hat er losgetreten. Die Erinnerungen mögen von Filmen und Comics, von Dönerbuden und Clubs, von Schweinkram und Körpergeräuschen, von Gefängnissen und Plattenläden, von Aspirin und Cola, von Zahnlücken und Visionen, von Sofas und Dauerwerbesendungen handeln. Vielleicht auch von Ayran und Vocodern, von Eraserhead-Plakaten und Hansi “James” Last-Pappkameraden. Von frühen Lidstrichen, Seemanns- oder Polo-Kostümen. Aber in allererster Linie ist das Gedenken an Greg “Overcross” Die (so die Auflösung seines DJ-Namens) mit etwas anderem verbunden. Mit Musik. Mutige, neue oder schräge, alte. Harte oder ganz weiche. Musik, die dieser Mann fester im Mannheimer Alltagsleben verwurzelt hat, als dies alle Betonfundamente des versammelten Pop-Bemühens vermutlich jemals werden erreichen können. Gregor Dietz hat Menschen für Musik begeistert. So wie er selbst begeistert von ihr war. Er hat mitgerissen und er ist immer einen Schritt weitergegangen. Er ist nicht stehengeblieben, nachdem das Hardrock Ende in den 80ern seine Pforten schloss, hat nicht nach Acid aufgehört, nicht nach the Normal, nach the Yellow Magic Orchestra, nicht nach Cabaret Voltaire, nicht nach Public Enemy, nicht nach De La Soul, Adamski, Primal Scream. Auch und schon gar nicht nach Techno oder Jungle. Nicht nach dem Genesis, dem Koko, dem Ugal, dem House, dem Milk. Nicht nach den Valentines und nicht nach Brainstorm. Auch nicht nach der ersten Surf LP: Die zweite war anders. Sie ging weiter. Und so kann man über Surf und die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Florian ähnliches sagen, wie über das Projekt Brainstorm. Wenn man heute hört, was er mit seinem langjährigen Partner Raimund Beyer auf der seinerzeit mächtig sagenumwobenen belgischen TZ-Serie veröffentlichte wird jedem schnell klar, wie weit die beiden einmal waren. Weit wie noch nie. Erst jetzt ist G.O.D stehengeblieben. Ein anderes Anhalten war wohl nicht möglich. Hängenbleiben durften die anderen. Wahrscheinlich empfand er das Plattenauflegen schon längst als fad, als es damit eigentlich richtig losging. “Been there, done that” konnte man den brüderlichen Freund zwischen den Zeilen oft entspannt sagen hören, wenn man ganz genau hingehört hat. Er sagte jedoch auch Sachen wie: “Einmal DJ, immer DJ”. Zuletzt noch vor ein paar Monaten.
Mit ihm durch die Mannheimer Innenstadt zu laufen, war auch nach Jahren der Abwesenheit bemerkenswert. Hooligans und Models, Schichtarbeiter und Tennisgrößen, Polizisten und Verbrecher, Teufelsanbeter und Hippies, Rapper und Rocker, Nerds und Schickeria. Dick, dünn, groß, klein, schlau, dumm. Sie alle kannten, schätzten oder wenigstens grüßten den Mann, der ihnen in einer Art gegenübertrat, die sie alle verstanden haben. Er respektierte sie, so wie sie waren aber er log sie nicht an. Er war, wahrscheinlich ohne dieses Wort jemals auf sich selbst angewandt zu haben, ein Humanist. Er hatte für beinahe jeden etwas übrig. Nur leider manchmal zu wenig für sich selbst.
Gregor Dietz war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Auch wenn G.O.D. seit Jahren in Berlin lebte – Mannheim hat ihm viel zu verdanken. So etwas im Nachhinein aufschreiben zu müssen, ist eine Qual. Niemand sollte es erst jetzt lesen müssen. Was sie jedoch alle wissen sollen: Gregor Dietz war ein ganz großer. Und das nicht unter den DJs, sondern unter den Menschen. Vielen, vielen Dank für alles! Als Matthias Belz vor wenigen Jahren verstarb, schrieben einige Freunde unter die Todesanzeige einen Satz, den Gregor und ich lasen und mit fröhlicher Zustimmung quittierten. Er soll auch hier fast am Ende stehen: Wir kommen dann nach! Ganz am Ende dann das, womit seine SMS immer schlossen: Hugs!

47 Responses to “Der Lotse geht von Bord”

  1. sigrun+dieter Says:

    Es tat gut einen solchen Nachruf les von Gregor bedankenen zu können .
    Wir möchten uns ganz herzlich bedanken bei all den Freunden und Bekannten von Gregor für die echte Anteilnahme.
    Danke Sigrun und Dieter

  2. sigrun+dieter Says:

    Es tut uns leid das es in einem solchen Kauderwelch ankam

    Es tat gut einen solchen Nachruf von Gregor lesen zu können

  3. CHENZ Says:

    Danke Dir Sebastian, dass Du den Nachruf für uns Alle hier gepostet hast. Mir bleibt gerade der berühmte Kloss wieder im Halse stecken und das Wasser marchiert. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen.
    Wir vermissen ihn alle so sehr. Ich verspreche auch ich versuche jetzt endlich mal den AYRAN…wehe es schmeckt n icht. HUGs CHENZ

  4. Karina Says:

    Ja, dem kann ich mich nur anschließen.
    Der Nachruf drückt sehr viel aus, was Gregor ausgemacht hat. Endlich weiss ich auch wofür G.O.D. stand. Overkross war auf jeden Fall gut gewählt. Deshalb konnte man ihn auch nicht so leicht in eine Schublade stecken, was wir Menschen ja so gerne tun (aus Faulheit?).
    Für mich war er zum einen der DJ, der meine ersten musikalischen Cluberfahrungen geprägt hat. Ohne dass ich es wusste, habe ich damals im House in Dossenheim (1990?) am meisten Spass gehabt beim tanzen wenn ein gewisser Gregor am erhöhten DJ-Altar stand. Ja und seit dem Zeitpunkt ist mir dieser Name immer wieder über den Weg gelaufen, ein Garant für gutes DJ Handwerk und musikalische Delikatessen :-) Aber noch viel schöner und nachhaltiger war das wirkliche Kennenlernen des Menschen Gregor hier in Berlin. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch deshalb war es sehr leicht für mich hier ein Zuhause zu finden. Wenn ich am Wochenende aus dem kühlen Business-Hamburg nach Berlin kam, konnte ich mich nicht nur auf Andreas freuen, sondern auch auf sehr ausgiebige, witzige und interessante Gespräche des abends/nachts mit Gregor (mit lecker indischer Kochkunst, Haribo und natürlich bei laufendem TV ;-)) Ohh wie werde ich es vermissen… diese Augenblicke hatten so etwas leichtes, glückliches, ewiges… sie bleiben unvergesslich. Natürlich ging man davon aus, daß es noch lange so sein wird, schluchz :-((
    Ich denke es ging vielen von Euch so bei einer Audienz mit ihm (nachts vor allem, das war einfach seine Zeit). Es war so schön unbeschwert.

    Tja, unser lieber freund ist nicht zu ersetzen, auch wenn wir uns einen Klon von ihm wünschen würden. So einzigartig wie er war, hätte die Forschung schon sehr viel zu leisten ;-)

    CIAO BELLO

  5. CHENZ Says:

    Ãœbrigens super Bild vom GOD

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